Verein Deutscher Sinti e.V. Minden

Mer Ketne Wir zusammen !

 

 Ich bin der Oswald aus Minden, die meisten kennen mich als Rechtsprecher. Ich bin aber auch im Vorstand des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma. Wenn ich die Diskussionen im Netz verfolge, bekomme ich das Gefühl, dass manche Sinti unsere eigene Geschichte immer noch zu wenig kennen. Die Bürgerrechtsbewegung von uns Sinti war wichtig und wir können stolz darauf sein, was wir alles erreicht haben. Die Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma war unsere Antwort auf den jahrhundertealten Rassismus. Das war unser Widerstand dagegen, dass die Nachkriegsgesellschaft über viele Jahre die rassistische Verfolgung und den Holocaust an unseren Leuten abgestritten hat.

In meiner Funktion als einer der Rechtsprecher in unserer Minderheit will ich Euch sagen, dass es ohne den Zentralrat und das Dokumentationszentrum die Erfolge der Bürgerrechtsarbeit in dieser Form nicht gegeben hätte. Ohne den Zentralrat hätte es 1982 keine Anerkennung des Holocausts an den 500.000 Sinti und Roma durch die Bundesregierung  gegeben. Ohne den Zentralrat hätte es für Tausende unserer Menschen keine Entschädigung und keine Rentennachzahlungen gegeben. Ohne den Zentralrat gäbe es an den Gedenkorten in den ehemaligen Konzentrationslagern wie Auschwitz-Birkenau, Dachau, Bergen-Belsen, Buchenwald und in vielen Städten keine Denkmäler und keine Gedenktafeln für unsere Menschen, die ermordet wurden. Ohne den Zentralrat und seine Landesverbände hätten wir es nicht erreicht, dass die Gräber von unseren Holocaust-Überlebenden jetzt zu Denkmälern erklärt und dadurch dauerhaft geschützt und vom Staat erhalten werden.

Wer hätte vor einigen Jahren gedacht, dass unsere Bundeskanzlerin mit ihren Ministern  zu einer Geburtstagsfeier zu einem Sinto kommt und eine Rede hält? In ihrer Rede hat sie unter anderem gesagt:

„Ich freue mich, dass wir gemeinsam mit Ihnen heute nicht nur das neue Lebensjahrzehnt begrüßen können, sondern dass wir aus diesem Anlass zusammengekommen sind, um auch Ihr jahrzehntelanges Engagement für die Belange der Sinti und Roma zu würdigen. Jeder Tag, der neu hinzukommt, birgt die Chance neuer Verdienste. Denn Sie wirken beharrlich darauf hin, Dinge zum Guten zu wenden. Lieber Herr Rose, ich möchte Ihnen ganz herzlich danken für alles, was Sie für unser Land - ich sage ausdrücklich: für unser Land - tun. Sie machen sich schon seit Jahr und Tag um unser Land, um unser Zusammenleben verdient.“

Ich glaube sagen zu dürfen, dass wir alle stolz darauf sein können wenn Frau Merkel, unsere Bundeskanzlerin, dies in ihrer Rede äußert. Meine Familie und ich waren es und sind es. Wir wissen, dass wir in unserem Land nicht perspektivlos sind.

Ohne den Zentralrat wären wir nicht in die internationalen Abkommen des Europarats gekommen, die uns wie den anderen Minderheiten in Deutschland Schutz vor Diskriminierung garantieren. Weil das auch heute einige nicht wissen, möchte ich das in aller Deutlichkeit sagen, gerade auch für die junge Generation.
 
Für uns war nach 1945 der Krieg nicht beendet, unsere alten Menschen können sich noch an die Nachkriegsjahre erinnern. Unsere Menschen sind bis in die 1970er Jahre weiter schlimmem Unrecht ausgesetzt gewesen. Heute können wir uns Dank des Zentralrats und seiner Landesverbände gegen Rassismus und Diskriminierung wehren. Wie schwierig dieser Weg war, kann ich erst jetzt beurteilen, seitdem ich seit ca. 10 Jahren die inhaltliche Arbeit des Zentralrates und seiner Landesverbände begleite. Auch wenn wir oft noch Diskriminierung im Alltag erleben, können wir selbstbewusst in der Öffentlichkeit unsere Rechte einfordern. Wie gut geht es uns heute gegenüber den 10-12 Millionen Roma aus Ost- und Südosteuropa, die keinen Zentralrat in ihren jeweiligen Ländern haben. Darüber sollte man mal nachdenken.

Als einer unserer Rechtsprecher finde ich die Diskussionen im Internet von einigen Sinti beschämend. Wir dürfen uns als deutsche Sinti und Roma nicht trennen lassen. Natürlich unterscheiden wir deutschen Sinti uns kulturell von den jetzt aus anderen Ländern zugewanderten Roma. Wir Sinti haben eine 600- jährige deutsche Geschichte.

In Nazi-Deutschland hat man zwischen ihnen jedoch keinen Unterschied gemacht, da waren es alle Zigeuner, man hat sie Hand in Hand ins Gas geschickt und ermordet. Nicht nur die Nazis, auch andere warten nur darauf, uns wieder als „Zigeuner“ bezeichnen zu können. Gerade ihr jungen Leute wisst, dass es tausende Kommentare von Nazis im Netz gibt, die gegen uns hetzen. Das dürft Ihr nicht übersehen und vergessen. Deshalb müssen wir gegen Rassismus und Ausgrenzung in unserem Land kämpfen und dürfen uns nicht gegeneinander ausspielen lassen.

Der Vorstand des Zentralrats, zu dem auch ich gehöre, hat letzte Woche in einem Brief folgendes gesagt: „Wir bezeichnen uns heute als Sinti, morgen als Sinti und in der Zukunft als Sinti. Diesen Anspruch gibt der Zentralrat nicht auf. Wir bestehen auf unser Recht, so bezeichnet zu werden, wie wir selbst bezeichnet werden wollen.“ Dass das so ist, verspreche ich Euch bei meinem Namen. Unsere Familie ist eine alte Rechtsprecherfamilie, die viele Generationen zurückreicht. Viele alte Menschen wissen das. Wir stehen zu unserem Wort.

Es ist richtig, dass wir gegen das abwertende Wort Zigeuner sind. Ich nenne Euch  ein paar Gründe dafür:

1.   Es ist nicht unsere Eigenbezeichnung. Wir nennen uns schon immer Sinti, das wird auch so bleiben.
2.  Die Nazis haben den Begriff „Zigeuner“ dazu benutzt unsere Menschen als Asoziale und Kriminelle zu brandmarken. Mit dieser Begründung haben die Täter nach 1945 unseren Menschen die Entschädigung für die erlittene Verfolgung verweigert und ihnen unterstellt, dass sie für ihre Verfolgung selber verantwortlich waren. Dies wurde sogar in einem rassistischen Urteil des  Bundesgerichthofs in Karlsruhe 1956 bestätigt.
3. In der zweiten Auflage des Dudens sinn- und sachverwandter Wörter von 1986 wird unter dem Stichwort "Zigeuner“ auf die Begriffe "Abschaum" und "Vagabund" verwiesen. Das zeigt in aller Deutlichkeit: die Bezeichnung Zigeuner ist untrennbar mit rassistischen Zuschreibungen verbunden.

Wir sprechen uns untereinander nie mit „Zigeuner“ an. Warum sollen es andere tun? Es ist eine  Fremdbezeichnung! Der Bundesgerichtshof hat sich in meinem Beisein 2016 Dank des Zentralrats für das 1956er Urteil öffentlich endschuldigt. Auch im deutschen Duden steht nichts Nachteiliges mehr über Sinti.

Unsere Zukunft liegt in unseren Händen. Die Bürgerrechtsbewegung muss weitergehen und deshalb braucht der Zentralrat unsere Unterstützung und keine Diskussionen über Unwahrheiten. Ich fordere vor allem die jungen Leute auf, sich stärker für unsere gemeinsame Sache zu engagieren. Ich gebe allen einen Ratschlag: Bevor Ihr etwas unterschreibt, solltet Ihr Euch erst mal richtig informieren. Das hat man doch aus seinem  Elternhaus mitbekommen, oder etwa nicht?

Jeder kann zu mir nach Minden kommen, und ich werde ihn persönlich über alles, was im Internet von der Sinti Allianz verbreitet worden ist, aufklären. Wenn jemand etwas  gegen den Zentralrat vorzubringen hat, der soll es bei mir persönlich vortragen. Ich bin Vorstand im Zentralrat. Wenn er Recht hat, bekommt er Recht, das weiß jeder, der mich kennt.

Wer aber noch einmal etwas verbreitet, was nicht der Wahrheit entspricht, nur um gegen den Zentralrat zu hetzen, oder Sinti anonym beleidigt (Praßt), derjenige ist 3 Jahre ausgegrenzt (Parleschido). Es gibt Möglichkeiten rauszubekommen wer es gewesen ist.

Wer weiterhin die Unwahrheit verbreitet, dass Sinti nur noch Roma genannt werden und ihre Ausweise abgeben sollen, diejenigen erkläre ich als Infarm. Das Gleiche gilt auch für diejenigen, die eine Umbenennung wollen.

In der Welt herrscht ohnehin Chaos, und wir müssen uns mit aller Entschiedenheit gegen einen solchen Schwachsinn zur Wehr setzen.

Ich habe diesen Brief  mit dem Einverständnis folgender Rechtsprecher abgefasst:

Hamlett
Robin
Tanneman
Merano, Neffe von Büffel
Oswald

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Tel.
01753-1458554
0571-3986441
Adresse:
Letelner Heidweg 30 A
32423 Minden


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